18-08-10
Koloss bringt Fichten zu Boden
Schwarzenbek (jns) – Ein Koloss schiebt sich durch den Wald. Mit seinem überdimensionalen Greifarm packt er einen Baum nach dem anderen. Sägespäne fliegen, schon ist der Koloss von Holzstaub umgeben. Der Baum liegt am Boden – es ist eine Fichte. Der Greifarm hält sie immer noch fest. Er schiebt die Fichte durch Reißzähne, die den Baum erst entasten und ihn dann seiner Rinde entledigen. Die Maschine schafft auf diese Art und Weise in einer Stunde das, was sonst zwölf Holzfäller in der selben Zeit nur gemeinsam bewältigen könnten. So befreit die Maschine das sieben Hektar große Waldgebiet systematisch und höchst effizient von den lästigen Fichten.
Was auf den ersten Blick wie ein wenig sensibler Eingriff in die Natur aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen allerdings als wohldurchdacht.
Der zuständige Förster klärte den Schwarzenbeker Anzeiger über die Maßnahmen im Sachsenwald, Gebiet Rülauer Forst auf. Es ist die Rede von »Durchforstungstätigkeiten« und »Renaturierung«. Er spricht von »Artenvielfalt« und »Waldwildnis«.
Und so hängt das ganze nun zusammen: Die Stiftung Naturschutz kauft in ganz Schleswig-Holstein Waldgebiete auf, die wie das Gros an deutschen Wäldern viele Jahrzehnte lang forstwirtschaftlich genutzt wurden, um sie Stück für Stück wieder den heimischen Urwäldern anzugleichen, sie der Waldwildnis wieder ein Stück näher zu bringen. Von diesen Urwäldern gibt es nicht mehr viele. Einige davon wachsen im klimatisch und landschaftlich ähnlichen Osteuropa, und eben diese reinen Urwälder können »belegen, dass in diesen Gebieten viel mehr Käfersorten auftreten.« Und die Käfer sind nur ein kleiner Teil des gesamten, komplexen Ökosystems, in das der Mensch durch die Ansiedlung holzwirtschaftlich gewinnbringenderer Baumarten eingegriffen hat.
Nun ist Schadensbegrenzung angesagt. Denn wie die Käfer, verschwanden durch die Ansiedlung dieser Arten auch Vögel, die sich von diesen Käfern ernähren, und Pilzsorten, die vorwiegend an Laubbäumen auftreten oder an den verwachsenen Bäumen, die aufgrund von fehlendem holzwirtschaftlichen Nutzen ebenfalls Jahrzehnte lang frühzeitig abgeholzt wurden. Auch den Bodenbewuchs erstickten diese Nadelbäume im Keim. Dicht an dicht, wie sie wuchsen, nahmen sie den kleinen Pflanzen das Licht und begruben sie unter einer dicken Schicht von abgestorbenen Nadeln.
In dem 300 Hektar großen Waldgebiet südlich von Schwarzenbek, das in Besitz der Stiftung Naturschutz ist, sollen nun nach und nach auf Teilabschnitten wie der soeben durchforsteten sieben Hektar großen Waldfläche, die wirtschaftlichen Akzente rückgängig gemacht werden, die der Mensch hier gesetzt hat. Fünf bis acht Jahre wird es nach Meinung des Experten wohl dauern, bis der Wald wieder selbstständig zu seiner »potenziellen natürlichen Vegetation« zurückfinden kann, die hier gefördert werden soll. Bis dahin werden noch zahlreiche solcher Eingriffe nötig sein.
Der nächste soll schon innerhalb der nächsten drei Wochen stattfinden. Für die geplanten Entwässerungsmaßnahmen wurden bei dem jüngsten Eingriff bereits Wege für Mensch und Gerät frei gemacht. Jetzt ist schließlich der ideale Zeitpunkt für diese Maßnahmen. Denn im August, der bei uns eigentlich als regenärmster Monat bekannt ist, sind die Lehmböden, die in Schwarzenbek und Umgebung dominieren, nicht wassergesättigt, was tiefe Fahrrillen im Boden und das Einsacken schwerer Gerätschaften wie dem kolossalen »Harvester« vermeidet.
Wenngleich diese rabiaten Maßnahmen also eher nach einem großangelegten Erntefest aussehen, ist die Rohdung der Fichten eine Hilfestellung für die Rückkehr der verdrängten Spezialisten unseres Ökosystems, denn das ist laut Erklärung unseres Experten »das, was die Natur auszeichnet:
dieses Netz von Spezialisten.«
Der Mensch hat zumindest in diesem Fall die Lehren aus seinen unsensiblen Eingriffen in das Wirkungsgefüge dieser Spezialisten und der anderen Arten gezogen und hilft dem Wald nun bei seiner Rehabilitation.